Warum ich meine Schafe male

Seit 2011 lebe ich auf einem Hof in der Uckermark. Vorher ganz und gar Städter, hat sich in einem Jahrzehnt meine Sicht auf unsere Lebensgrundlagen und eben auch mein Verhältnis zu Tieren grundsätzlich gewandelt. Täglich besuche ich meine Schafe, füttere sie aus der Hand, rede mit ihnen. Bei Frost schleppe ich Wasser, im Frühjahr schere ich ihr Fell, im Herbst schneide ich ihre Klauen und manchmal muss ich ein Lamm mit der Flasche aufziehen. Ich erkenne meine Schafe am Gesicht und natürlich haben sie Namen. Oft werde ich gefragt, wie ich es dann fertig bringe, sie zu schlachten. Ich empfinde das nicht als Widerspruch. Im Gegenteil: Gerade weil ich sie zu schlachten beabsichtige, fühle ich mich zur bestmöglichen und liebevollen Behandlung verpflichtet. Und dazu verpflichtet, ihnen einen guten Tod zu bereiten.


Dem einen oder anderen mag die Idee, Schafe zu malen, bizarr vorkommen. Man denkt dann gleich an das Schaf Daisy in Woody Allens „Was Sie schon immer über Sex wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten“. Vegetarier finden vielleicht die Verwandlung der Opfer in bunte Helden obszön.

Das unterstreicht in meinen Augen aber nur die Tatsache, dass uns mit dem Aufkommen der industrialisierten Tierhaltung der unmittelbare Kontakt mit den Tieren und viel Wissen um die Rituale der Achtung und Versöhnung abhanden gekommen sind. Lange Zeit töteten die Menschen Nutztiere und Jagdbeute nach peniblen Regeln, opferten Teile des Geschlachteten, beteten zur Beruhigung der Geister und hätten schlimmste Rache befürchtet, wenn irgend etwas vom einst Lebendigen zu „Abfall“ erklärt worden wäre.


Der Tag des Schlachtens ist ein besonderer, lange vorher bestimmter und vorbereiteter Tag. Im November werden die Mütter wieder trächtig und die Bindung an ihre Lämmer vom Frühjahr löst sich. Die Temperaturen sind dann auch niedrig genug damit das Fleisch langsam und ohne Fliegenbefall abhängen kann. Die Wiese wächst kaum noch und der Apfeltrester vom Mosten ist aufgebraucht. Wir (das Schlachten mache ich nie allein) sind dazu übergegangen, auf der Weide zu töten, weil jede Trennung von der Herde (für viele wäre es das erste Mal überhaupt) die Schafe in Angst und Schrecken versetzt. Die Lämmer bekommen noch eine Handvoll Hafer und hören den Knall des Bolzenschussgerätes nicht mehr. Keins unserer Schafe ist je in Panik und Angst gestorben. Wir verwenden möglichst viel, vom Fleisch über Knochen und Innereien bis zu Fell und Hörnern, aber nicht alles: Der Dünndarm beispielsweise, die klassische Hülle für Wiener oder Merguez, braucht Unmengen an Wasser zum Auswaschen.

Bei allem Respekt sind die Schafe nach dem Schuss tot und sehen nach dem Ausnehmen, Abhängen und Zerteilen aus wie Fleisch, aber das heißt nicht, dass wir sie vergessen oder die Erinnerung verdrängen. Wir schreiben ihre Namen auf die Tüten in der Eistruhe und nennen unseren Gästen den Namen des Essens auf ihrem Teller. Auch diejenigen unserer Freunde, die zuerst die Gabel sinken ließen, haben sich daran gewöhnt oder fragen sogar danach.

Seit drei Jahren male ich unsere Schafe auch auf Leinwand, sozusagen in memoriam, in einer Art Opferritual. Ich male sie so wie ich mich an sie erinnere, mit ihren Eigenheiten und Macken, in ihren Farben und Posen und ja, in ihrer Individualität. So leben sie weiter in meiner Erinnerung und ich kann sie anderen zeigen, ohne jedesmal provokante Sätze sagen oder schreiben zu müssen.

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