„Arbeit und Streben“

Sie haben die Wende überlebt, nun macht ihnen keiner mehr was vor. „Arbeit und Streben, das war ihr Leben“ so stand es auf dem Grabstein der Urgroßmutter, und so sitzt es den Enkelinnen im Nacken. Sie sind nicht hipp, sie sind nicht cool, sie sind aus dem Osten und sie geben sich Mühe.

Ausgaben:

  • C. Bertelsmann 2006, Hardcover 384 Seiten, (ISBN-13: 978-3-570-00928-4) 19,95 €
  • Goldmann 2009, Taschenbuch 383 Seiten (ISBN- 13: 978-3442468645) 8,95

Der Roman spielt im Frühling 2004 in Görlitz an der deutsch-polnischen Grenze. Im Mittelpunkt der Handlung steht die Familie Schöne und ihre Firma, einst VEB Metallverarbeitung, heute „Schöne Plastik“.

auf der Buchmesse 2007

Presse

Sächsische Notizen, am 23.10.06 im MDR: „So provokant wie komödiantisch: Ein Kunststück!“

Meike Schnitzler empfiehlt „Arbeit und Streben“  in der BRIGITTE (09.2006): eine anrührende ostdeutsche Familiengeschichte.

Alexander U.Mertens im FOCUS (46/2006): Der… Autor … verknüpft die Fäden der Handlung dramaturgisch so geschickt und spannend, dass einen das Schicksal jedes seiner Protagonisten berührt.

Siegessäule 12/06: „eines der besten Bücher des Jahres“

#1-Rezensent Dr. Fuchs auf Amazon: Aus einer ganz gewöhnlichen Familiensage macht Holger Siemann eine Bühnenshow,… Rasant, verwoben, schräg, emotional und echt.

Bergsträsser Anzeiger, 11.11.2006: Ein auch literarisch dicker Fisch… handwerklich hervorragende Verzahnung von sieben verschiedenen Erzählern, die der Geschichte aus sieben verschiedenen Perspektiven ein farbenfrohes Gesicht geben und das Buch in eine Art literarisches Puzzle verwandeln.


Inhalt

(aus Wikipedia)

Erzählt wird das Geschehen aus den Blickwinkeln von Familienmitgliedern mehrerer Generationen, Mitarbeitern und Nachbarn, mit Rückblenden bis in die Jahre des Zweiten Weltkriegs.

Großmutter Johanna Schöne betrieb vor der Wende in der Familienvilla einen „etwas anderen“ Kindergarten und setzt seitdem ihre ganze Kraft darein, die Villa denkmalgerecht und standesgemäß wieder herzurichten. Die Vorbereitung der Wieder-Eröffnungs-Party überfordert sie so sehr, dass sie von einem Schlag getroffen wird.

Ihr Mann Friedrich rettete als früherer Direktor den Betrieb vor der Demontage durch die Russen, verwandelte die Privatfirma in einen VEB und stellte in den 60er Jahren die Produktion auf Kunststoffe um. Von den eigenen Mitarbeitern abgesetzt, sucht er seit der Wende nach Erklärungen für sein und des Sozialismus Scheitern.

Tochter Christa hat den Sprung ins kalte Wasser der Marktwirtschaft gewagt und die Firma von der Treuhand (zurück)gekauft. Schwierige Jahre folgten, in denen sie in schlaflosen Nächten Sorgen wälzte und ihr Privatleben auf der Strecke blieb. Nun glaubt sie das Schlimmste überstanden und die Firma in trockenen Tüchern. Nach Jahren des Alleinseins traut sie ihren Gefühlen für den Fußballtrainer Kalle nicht so recht, der sich als trockener Alkoholiker mit eigenen Problemen herumschlägt.

Enkelin beziehungsweise Tochter Cornelia hat in den USA Politik studiert und will Bürgermeisterin ihrer Heimatstadt werden. Die Zeit scheint günstig: Görlitz bewirbt sich als „Kulturhauptstadt Europas“, der polnisch-deutschen Grenzregion steht nach dem Eintritt in die EU eine große Zukunft bevor. Mit der Vergangenheit geht Cornelia offensiv um und bringt Licht in das dunkelste Kapitel der Firmengeschichte, das Zwangsarbeitslager auf dem Firmengelände in der Nazizeit. Am gegenwärtigen politischen Filz der Stadt jedoch beißt sie sich fest. Christas Bruder Gerhard war Offizier der NVA und unternahm nach der Wende als Partner seiner Schwester und Buchhalter der Firma einen Neustart. Mit abenteuerlichen Finanzkunststücken hat er Klippen umschifft und die Firma mehr als einmal vor dem Konkurs bewahrt. Die jüngste Spekulation mit Aktien aber geht ihm gründlich schief und zwingt ihn zum Offenbarungseid. Die Familie muss die Hilfe einer Verwandten aus Südafrika, dem schwarzen Schaf der Familie, akzeptieren.

Marek ist Systemadministrator der Firma, schwul und stammt aus Polen. Seine Erfindung von biologisch abbaubaren Computertastaturen wird von Familie Schöne nicht als die großartige Zukunftsperspektive gewürdigt, die sie seiner Meinung nach ist. Schon im Begriff, zu kündigen, verliebt er sich in Cornelias Freund Sebastian und bleibt, nicht ohne das empfindliche Beziehungsgeflecht der Familie noch weiter durcheinanderzubringen.


wie zufrieden sind Romanfiguren mit ihrem Schicksal? eine Umfrage

Christa

Christa Kaminski, * 1955 in Görlitz; Geschäftsführerin der Schöne-Plastik-GmbH,
Tochter von Johanna (geb. Schöne)  und Friedrich Lopinske,
bis 1991 verheiratet mit Robert Kaminski, geschieden, eine Tochter: Cornelia
Ich bin 1962 in die erste Klasse der POS Hans-Beimler eingeschult worden. Damals war bei einigen Lehrern die Erinnerung an meinen Großvater Wilhelm noch wach und ich kann mich nicht entsinnen, dass irgendjemand böse über ihn gesprochen hätte.  Was der Autor über ihn herausgefunden haben will, muss ich natürlich hinnehmen, man ist als Romanfigur gegenüber „Fakten“ ja völlig hilflos. Aber hier in den Apokryphen will ich wenigstens anmerken, dass ich in den Tagebüchern meiner Mutter aus ihrer Backfischzeit eine andere Wahrheit gefunden habe.
Ob Wünsche offen geblieben sind? Natürlich! 384 Seiten sind ja nicht gerade viel, um sich zu verwirklichen.

Cornelia Schöne-Kaminski, ledig, * 1978, Controlerin, Politikerin Ich weiß echt nicht, was alle an meinem Freund herum zu nörgeln haben. Ich glaube, dass die meisten bloß nicht akzeptieren wollen, dass ich nicht durch einen Mann definiert werde. Also ich meine nicht Sebastian, sondern den von den letzten Seiten. Wie heißt der nochmal?
Ich bleibe übrigens nicht in Görlitz. Ja, tut mir leid für alle, die in mir so eine Art „Vorbild“ für das „Durchhalten im Osten“ gesehen haben, aber ich muss auch mal an mich denken. Wie lange hat man als Romanfigur? Wenn der Verkauf gut läuft, der Autor einen Preis, vielleicht sogar einen Eintrag in ein Literaturlexikon kriegt, ist man fein raus, aber wenn nicht? Dann ist man in fünf Jahren vergessen.
„Lebe lang und wild!“, sage ich immer, und wenn´s schief geht: „Celebrate Dunkirk!“ (S.36)

Cornelia
Johanna

Johanna Schöne, * 1931, ehem. Kindergartenleiterin Nur, dass hier keine Missverständnisse aufkommen: Tot ist tot. Niemand soll erwarten, dass ich „eingreife“ oder verrate, wie es hier ist. Oder mich gar posthum beschwere.
Es war freilich ein schwerer Schlag , als unser Autor die ganzen schönen Kapitel gestrichen hat, in denen sich die Familie nach dem Schlaganfall um mich sorgte: Hier noch ein Kekschen in den Tee getunkt und da noch ein Kissen untergeschoben. Ich habe es genossen. Gerhard spielte Klavier und Christa weinte, ach, vorbei. Als ihm das mit den Flügeln eingefallen ist, war das ein schwarzer Tag für mich. Ein Klick und weg war mein Altenteil. Die brauchen ja heute nicht mal mehr einen Radiergummi. Wissen Sie, worin ich begraben wurde? Ich sage nur: Suppenterrine, Girlanden und preußische Adler (S. 118 und 333)

Eugenia Schöne, * 1945, einziger Sohn von Johannas, im Krieg gefallenen älteren Bruder Arnim.
Andere figuren in dem roman haben mich gefragt, warum ich bin lustig in meinem leben, weil ich zuerst ein mann und dann umgeschrieben war als frau. Aber ich habe gesagt: Es kommt sehr darauf an, wer mich umschreibt, ist es ein hypochonder oder ein sonnenschein. 
Der beautiful boy und me haben viel amusement auf friedhofen, wenn wir suchen deutsche spruchen. Immer schaffen und streben, weiter so. Siehe unter mich!
Was ich anderes möchte?  Sorry for that, but immer vergesse ich den namen von diesem neu-mann von cornelia, der so langweilig ist. Sebastian soll zurueck. What? Doesnt work? Bullshit!  Einem begabten autor faellt das ein.

Eugenia
Judith

Judith, * 1989
Das Bild ist voll SCheiße. So sehe ich nicht aus. Außerdem heiße ich nicht Judith, sondern Margarita. Judith ist bloß mein Taufname, und nur deshalb von dem Herrn Siemann bevorzugt worden wegen „Roman und Judith“ und Romeo und Julia.  Traps. Traps. Natürlich bin ich jetzt doch auf dem Kings College. Nach zwei Wochen in Lauban und circa 1000 Güterzügen geht jeder überall hin. Ist aber echt cool hier. Ich bin mit Jessie auf einem Zimmer, ihre Mutter ist Schriftstellerin und schreibt in einem Team mit einer anderen, deren Namen ich hier nicht sagen darf, an einem Buch, dessen Namen ich nicht nennen darf, an dessen Erfolg aber manche sich ein Beispiel nehmen sollten. Wir haben ein eigenes Badezimmer und einen Blick auf den See.  Nach dem Zeichenkurs gehen wir heute Abend noch baden. Oh Mann.

Kalle Kramer, * 1954, Fußballtrainer aus Bochum
Um es gleich vorweg zu sagen: Ich darf nicht verraten, ob wir aufgestiegen sind. Striktes Verbot vom Autor. Sorry. Er hat gedroht, sonst in der nächsten Auflage Christa ein paar Stundenkilometer schneller fahren zu lassen. Um mich wäre es nicht schade, aber wenn ich mir vorstelle, dass Christa damit leben müsste, mich umgebracht zu haben… Nein, das ist es nicht wert. Denken Sie einfach bei den nächsten Spielen – Europameisterschaft ist es, glaube ich – ich wäre auf dem Platz dabei. Das muss reichen.Deswegen kann ich leider auch die Frage, ob ich mir irgendwas anders gewünscht hätte, nicht beantworten. Sonst wüssten Sie ja gleich Bescheid, je nachdem was ich mir wünsche oder nicht wünsche… hoffentlich war das jetzt einigermaßen logisch. Es wird Zeit, dass ich wieder aufstehen und rennen kann.

Kalle
Sebastian

Sebastian Besser, * 1975; Chefredakteur des Städtischen Anzeigers
Ich wollte nicht Erzähler werden und habe mich dieser Rolle verweigert, trotzdem ER (also der Autor) mich Tag und Nacht mit sich herumgeschleppt, sich sogar in einer ganz perfiden Verkleidung selbst in einer der für mich geschriebenen Szenen eingefügt hat. Ein Journalist, so meine Meinung, muss sich vor der Verstrickung in phantastische Gefilde hüten. Tut mir leid um die viele vergebliche Arbeit. Ich finde sowieso: An dieser Stelle muss Marek zu Wort kommen.

Äh…. bisschen plötzlich, bin noch gar nicht zurechtgemacht… nachdem ich am Ende des Buches eigentlich der Looser war. Aber ok, man nimmt, was man kriegt 🙂
Ich bin aus Görlitz nach London und habe dort Sebastian wiedergetroffen. Er hat einen neuen Job und rettet das Klima, ich helfe ihm dabei und fummle so ein bisschen. Ich will das nicht näher ausführen, wir, aber es ist doch sehr romantisch. Demnächst machen wir Urlaub in Deiner Gegend. Wir sehen uns! Schön die Augen aufhalten! Marek Schneider, geb. 1976, Systemadministrator bei Schöne-Plastik

Marek
Friedrich

Friedrich Lopinske, * 1928, ehem. Betriebsdirektor
Ich bin in den Rezensionen oft als derjenige bezeichnet worden, der mit der neuen Zeit nicht zurecht kommt. Ich muss das korrigieren: Es ist die neue Zeit, die nicht zurecht kommt. Da brauche ich bloß von „Klimaerwärmung“ zu lesen und von 100.000 toten Irakern, die beim Kampf gegen den Terrorismus ihr Leben lassen mussten. Jeder sieht, dass das Kapital seit Karl Marx kein bisschen netter geworden ist.
Was ich mir im Buch anders gewünscht hätte?
Als ob es darauf ankommt. Mir gehts gut. Ich stehe zwar seit meinem letzten Kapitel vor der Haustür, weil mir immer noch nicht wieder eingefallen ist, was ich hier wollte, aber dafür bleibt es auch immer Sommer und mir tut nichts weh, was andere in meinem Alter nicht behaupten können. Ab und zu kommt der Autor vorbei und wir reden. Netter junger Mann. Worüber wir reden? Äh…

Gerhard Lopinske,  *1958, Buchhalter von Schöne-Plastik
Wussten Sie, dass 70 Prozent aller Leser weiblich sind? Oder waren es 70 Prozent aller Bücher, die von Frauen gekauft werden? Jedenfalls ist mein Publikum dementsprechend zusammengesetzt und ich muss gestehen, dass ich mein neues Leben als Lesemitreisender sehr genieße. Görlitz ist schön, aber die Welt ist schöner.
Die Besucher unserer Veranstaltungen werden mir zustimmen, dass die Kapitel „Gerhards schwarzer Freitag“ und die „Rede vor versammeltem Ballpublikum“ jedesmal Höhepunkte der Lesungen darstellen. Ich bin gedruckt! Das ist Waaahnsinn!

Gerhard
Roman

Roman, * 1986, Enkel  des Polimery-Direktors Miroslawski in Zgorzelec Ich schreibe jeden Tag eine Brief, dass Judith sich nicht einsam empfindet. Sie antwortet nicht, weil ich zu viele Fehler mache vielleicht. Leider sind es keine Briefe,  die ich euch zeigen kann wie „Briefe von Roman aus dem Roman“. Das ist wegen Rechtegründen komisch. Entschuldige mein Deutsch, der Korrektor ist schon zu Hause.
Aber ich gefragt werde, was ich gern anders haben will: Richtig sein. Im richtigen Leben leben. Unbedingt!! ich kenne nichts schöneres. Verstehen Sie das, Autor?


Hören

Holger Siemann 2007 im Studio von Picaro Media
Holger Siemann liest aus „Arbeit und Streben“ (und singt) – mit Dank an Picaro Media für die Aufzeichnung