aufs Land

Forsthaus Klaushagen in der Uckermark

Ich wollte nie aufs Land


Anfänge

2010 zog ich aus Berlin in die Uckermark, auf einen Hof unweit Klaushagens, am Rand der Jungfernheide, während Herr S. vorerst weiter in Berlin arbeitete und wohnte.

Unsere Pläne flogen hoch. Nicht nur das Haus sollte schnellstmöglich umgebaut werden. Für die große Wiese brauchten wir Schafe. Die Scheune wollten wir umbauen zu einem Atelier mit gläsernen Toren, einen Tümpel zum Pool aufstauen und am Ufer eine Lehmsauna mit Steg errichten. Ein Garten musste angelegt werden, in dem alte Gemüsesorten wachsen konnten. Der Brunnen war sanierungsbedürftig. Wir brauchten eine Kettensäge, einen Rasentraktor, eine Tiefkühltruhe und Kellerregale.

Die Todo-Liste wurde immer länger: Zaun gegen die Wildtiere bauen. Walnussblätter harken. Apfelsorten bestimmen. Neue Bäume pflanzen. Gästebetten und Möbel kaufen. Nachbarn kennenlernen. Ratten bekämpfen. Hoffentlich fror das Wasser in der Ferienwohnung nicht ein. Pilze sammeln und trocknen. Der Hund hatte Flöhe. Pflaumenmus einkochen. Holz hacken für den Winter. Zäune für die Schafe und Lämmer bauen. Weide ernten und Körbe flechten.… Es wurde anstrengend, aber es war auch sehr, sehr aufregend.

Die To-do-Liste wurde lang und länger. Am 8. Januar passierte es: Ich stand in sieben Meter Höhe auf einer Leiter um mit der Kettensäge den Ast zu kappen, der das Johannisbeergebüsch verschattete, Helm auf dem Kopf, Herr S. hielt die Leiter. Der Ast brach, sauste knapp an Herr S. vorbei und schlug den Fuß der Leiter weg. Ich stürzte in den feuchtnassen Schnee, neben mir schlug die Kettensäge ein. Herr S. fuhr mich ins Krankenhaus, wo der Arzt beim Betrachten der Röntgenbilder kommentierte: „Volltreffer! Beide Handgelenke gebrochen!“

Kein Sägen, kein Hämmern mehr. 8 Wochen war ich komplett zwangsentschleunigt. Die Dringlichkeiten der Todo-Liste zerploppten wie Seifenblasen. Bücher konnte ich nicht halten, das Fernsehprogramm war auch nicht besser als sonst. Also saß ich im Gartenzimmer und dachte. Und manchmal saß ich nur.
Ich schaute dem Schnee beim Rieseln und den Vögel am Futterkasten zu, bemerkte den Wechsel der Farben des Sonnenlichts im Tagesverlauf und lauschte dem Wind. Das Verrückte war: Diese Tage fühlten sich erfüllt an. Ich beschloss, diese Lehre nie zu vergessen. Und vergaß sie natürlich, so bald der Gips ab war.

Jahreszeiten

Zu Beginn dachte ich noch, ich könne beides haben, Stadt und Land, Berlin und die Uckermark, vorne Kudamm, hinten Wannsee. Aber der Hof saugte mich ein und ich war neugierig auf meinen Platz im neuen Leben, als Macher zwischen Tieren und Pflanzen. Eifrig schrieb ich Tagebuch (u.a. hier), fotografierte, nahm Töne auf und plante Veröffentlichungen. Im zweiten Jahr stutzte ich schon, und im dritten begriff ich, dass jedes Jahr das Gleiche passiert. Das Leben auf dem Land dreht sich im Kreis oder vielleicht besser: in einer Spirale. Die Jahreszeiten sind übermächtig.

Frühling


Leben und Sterben auf dem Land

Auf dem Land wird viel geboren und gestorben. Im Frühjahr piepsen Küken im Gras und auf der Weide schreien die neugeborenen Lämmer wie Babys. Die kuscheltierpelzigen Jungbienen fliegen erstmal alles an, was bunt ist, und in den Nestern der Schwalben leuchten die gelben Schnäbel der ersten Brut. Aber es wird eben auch viel gestorben. Schwalben fallen aus dem Nest oder werden von Katzen geholt, Habicht, Fuchs und Waschbär lauern dem Geflügel auf, der Wolf reißt Lämmer und Schafe. Es gibt verstoßene Lämmer, Verletzungen und Brüche, Parasiten und andere Krankheiten. Man tut was man kann. Oft steht der Aufwand in keinem Verhältnis zum „Wert“ des Tieres, eher zu den Sorgen, die man sich schon gemacht hat. Manchmal weiß man nicht, was los ist, aber man sieht dem Tier an, dass es sterben wird. Das ist jedes Mal ein Drama, man gewöhnt sich nicht daran. Ein Trost ist vielleicht, dass alles wiederkommt.

Geschichte und Geschichten

Wir haben nicht nur repariert und gebaut im Laufe der Jahre, sondern auch Schichten freigelegt wie Archäologen und eine Menge gelernt, von dem wir als Städter nicht mal gewusst hatten, dass wir es nicht wissen. Das ist eigentlich die erstaunlichste Erkenntnis nach Jahren des Irrens und Ausprobierens: Wie ahnungslos wir gewesen waren, was die existentiellen Dinge des Lebens betrifft.

Von der „Idiotie des Landlebens“ zu reden und gleichzeitig romantischen Träumen anzuhängen, sind zwei Seiten der gleichen Medaille: Der Entfremdung von den natürlichen Grundlagen des menschlichen Lebens, von der Natur, vom Essen und Trinken, vom Ackern, Bauen, Wärmen und vom Miteinander. Immer schneller, scheint es, dreht sich das Rad des Fortschritts und der Produktivität, aber oft dreht es sich nicht um den Menschen. Das Leben auf dem Land ist nicht „natürlicher“ als in der Stadt, im Gegenteil, aber es öffnet manchmal die Augen. Und neben aller Freude über Schönheit und Entschleunigung heißt das auch: Erschrecken.

Honig kaufen

Unseren „Hofladen“, einen kleinen Verkaufsstand mit Sonnenschirm, findet Ihr an der Dorfstraße in Klaushagen. Honig gibt es auch im provisorischen „Onlineshop.

Nach New York und Paris zum shoppen war gestern… unser Verkaufsstand in der Zeitung…